Adolf Diamant

Juden in Annaberg im Erzgebirge


Zur Geschichte einer untergegangenen Gemeinde
Unter besonderer Berücksichtigung der nationalsozialistischen Diktatur 1933-1945.
Mit einer Dokumentation der noch vorhandenen Grabsteine des zerstörten jüdischen Friedhofs.
Reprint
Einleitung: Jürgen Nitsche

240 Seiten
Format Din A 5
Chemnitz 2016
ISBN 978-3-910186-97-2

  

 

Im Verlag Heimatland Sachsen wurden von 1993 bis 1999 vier umfangreiche Publikationen von Adolf Diamant veröffentlicht (siehe letzte Seite). Grundlage dafür war die enge freundschaftliche Zusammenarbeit von Adolf Diamant mit Verlagsgründer Gert Richter (1933-2015).
Gert Richter, von 1981 bis 1994 Stadtarchivar in Chemnitz, und Adolf Diamant hatten sich bereits vor der Wende kennen und schätzen gelernt. Besonders seit den Gedenkveranstaltungen von 1988 im damaligen Karl-Marx-Stadt zum 50. Jahrestag zur Erinnerung an die sogenannte Reichskristallnacht wurden diese Beziehungen intensiv gepflegt. Gert Richter unterstützte die Arbeiten von Adolf Diamant dabei nicht nur mit seinen Möglichkeiten auf dem Gebiet des Archivwesens. Als 1990 auf Initiative von Gert Richter der Chemnitzer Geschichtsverein neu ins Leben gerufen wurde, war Adolf Diamant einer der ersten Mitglieder und beteiligte sich im Verein sehr aktiv auf dem Gebiet der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte.

Wer war Adolf Diamant?

Der Historiker und Publizist Adolf Diamant erblickte 1924 in einer ostjüdischen Kaufmannsfamilie in Chemnitz das Licht der Welt. Sein Vater stammte aus Russisch-Polen, seine Mutter aus Rumänien. Er besuchte in Chemnitz als einziger Jude in seiner Klasse die schule. Nach Schulabschluss begann er eine Ausbildung an der Industrieschule in Chemnitz. Da er wenige Monate später aufgrund seiner jüdischen Herkunft von der Berufsschule verwiesen wurde, vermittelte ihm sein Vater in der Strickmaschinenfabrik Sander & Graff AG (Turnstraße 33/35) eine Lehrstelle. Dort sammelte er erste Berufserfahrungen an Drehbänken, Bohr- und Fräsmaschinen, was ihm später das Leben rettete. Im Herbst 1938 wurde die Familie festgenommen und nach Polen "ausgesiedelt". Sie gelangte nach Lodz, wo zur damaligen Zeit etwa 240.000 Juden lebten.
Nach Hitlerdeutschlands Überfall auf Polen wurde 1940 in Lodz in einem verwahrlosten Stadtteil ein Ghetto errichtet. Im August 1944 löste man den "jüdischen Wohnbezirk" auf. Die Bewohner kamen in das Vernichtungslager Auschwitz Diamants Eltern sollten den Ort des Terrors nicht überleben In dem Vernichtungslager erschien eines Tages ein Ingenieur, der Zwangsarbeiter für Rüstungsfabriken suchte. Diamant meldete sich während eines Zählappells und erklärte, dass er Mechanikerlehrling bei Sander & Graff in Chemnitz gewesen wäre. Der Ingenieur, der in eben diesem Unternehmen gearbeitet hatte, wählte ihn deshalb aus. So gelangte der 20jährige in das KZ Neuengamme um für eine Nutzkraftwagenfirma Zwangsarbeit verrichten.
Als sich die US-Truppen im Frühjahr 1945 näherten, wurden die KZ-Häftlinge evakuiert. Ihr Leidensweg führte sie in fünf verschiedene Konzentrationslager. Im Mai 1945 wurde Diamant befreit und kehrte in das zerstörte Chemnitz zurück. Vergeblich suchte er damals in der Steinwüste nach Bekannten und Schulfreunden. Diamant fand eine Tätigkeit im Polizeipräsidium. Im Sommer 1947 verließ er seine Geburtsstadt wegen politischer Unstimmigkeiten und zog nach Berlin. Dort wurde er Mitglied einer jüdischen Jugendgruppe. Im Jahre 1948 meldete er sich nach Israel ab, um in der Armee des neu gegründeten Staates zu dienen. Trotz der furchtbaren Erinnerungen kehrte Diamant im Jahre 1956 nach Deutschland zurück und lebte fortan in Frankfurt (Main). In seinem Erstberuf war er Kaufmann und Bauherr. Mit dieser Tätigkeit finanzierte er seinen Zweitberuf, der später zu seinem Lebensinhalt geworden war: Er war Publizist und "Historiker aus Leidenschaft", Ein Zentralarchiv zur Geschichte der Juden in Deutschland hatte es damals noch nicht gegeben. Heinrich Guttmann "ein Vorkämpfer deutsch-jüdischer Aussöhnung" hatte ihm damals gesagt: "Wenn du es nicht tust, diese Geschichte auszuschreiben, tut es niemand mehr".
Seit den 1960er Jahren setzte sich Diamant, ausgerüstet mit Stullen und Thermoskanne, in die Frankfurter Universitätsbibliothek, ließ sich alle ihn interessierenden Schriftstück geben, schrieb die entscheidenden Passagen ab und sortierte es in seinen Zettelkasten. Kopierer gab es bekanntlich noch nicht.
Adolf Diamant sammelte über 50 Jahre Judaica und konnte weit über 300.000 Dokumente archivieren. Er schrieb 22 Bücher und etwa 1.400 Artikel in Zeitungen im In- und Ausland Sie entstanden meist als Studien zu bestimmten Städten oder Sachverhalten. Seine erste Buchpublikation war 1970 die Chronik der Juden in Chemnitz über seine Geburtsstadt. Seine Werke sind für uns heute von unschätzbarem Wert. In ihnen reflektiert Adolf Diamant die Geschichte und Leistungen der Juden und dokumentiert insbesondere die Verbrechen der NSZeit. Dieses Thema war und ist bis heute für die deutsche Öffentlichkeit mit einem schwierigen Umgang verbunden, an das man sich nur mit Schmerzen oder am besten gar nicht erinnern möchte. Für Adolf Diamant war es so es besonders in der alten Bundesrepublik oft nicht leicht, für seine Bücher geeignete Verlage zu finden, geschweige denn, dass er für seine umfangreichen Arbeiten auf ein entsprechendes Honorar hoffen konnte.
Viele seiner Bücher veröffentlichte er mit eigenen Mitteln im Selbstverlag. Anerkennung und Genugtuung für sein Lebenswerk erhielt er erst im späten Lebensabschnitt. Für seine Verdienste wurde Adolf Diamant das Bundesverdienstkreuz am Bande (1987) und das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (2001) geehrt.
Im Alter von 84 Jahren verstarb er 2008 in Frankfurt (Main). In zahlreichen Nachrufen wurden seine Verdienste in der Aufarbeitung der NS-Verbrechen gewürdigt. So schrieb Salomon Korn, der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt (Main), "Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Energie Menschen, die der Hölle der nationalsozialistischen Verfolgung entronnen sind, sich ein neues Leben aufbauen konnten. Hinter der scheinbaren Normalität sind aber bei näherem Hinsehen Risse sichtbar geworden und Teile des Seelenlebens blieben aus Gründen des Selbstschutzes für immer versiegelt. Trotz seines ausgeprägten Überlebenswillens galt dies auch für Adi Diamant.
Er hatte zwar Auschwitz verlassen, aber Auschwitz hatte ihn nicht verlassen."

 
Annaberger Zeitung | 31. Januar 2017 | Seite 9

NACHRICHTEN

GESELLSCHAFT

Erinnerung an Annaberger Juden

ANNABERG - Mit dem Schicksal der Annaberger jüdischen Gemeinde können sich demnächst Schüler in der Kreisstadt beschäftigen. Am vergangenen Freitag, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, übergab Oberbürgermeister Rolf Schmidt bei einer Gedenkveranstaltung in der Aula der Evangelischen Schulgemeinschaft Exemplare des neu aufgelegten Buches „Juden in Annaberg“ von Adolf Diamant an die Jugendlichen. Die bislang vergriffene Publikation, deren Nachdruck die Stadt mit Hilfe von Sponsoren finanzierte, liegt nun nach 22 Jahren wieder vor. Das Buch beschreibt detailreich mit zahlreichen Zahlen und Fakten die Geschichte der untergegangenen jüdischen Gemeinde. Das Werk ist unter anderem in der Annaberger Touristinfo erhältlich. Lebten 1907 noch 147 Juden und 1933 noch mehr als 50 Juden in der Stadt, so sank diese Zahl nach dem Zweiten Weltkrieg auf sechs jüdische Bürger. Mindestens 14 Juden aus Annaberg kamen in der Hölle von Auschwitz ums Leben. (urm)